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Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha / CC-BY-SA 3.0

Torsten Koplin zum Tag der Erinnerung und Mahnung

Überlebende der Konzentrationslager und Zuchthäuser begründeten vor 75 Jahren die Tradition, am zweiten Sonntag des Septembers alljährlich der Opfer des Faschismus zu gedenken. Sie haben mittlerweile ihr Vermächtnis in unsere Hände gelegt. Wir begehen diesen Tag als Tag der Erinnerung und Mahnung.

Alliierten Streitkräften der Sowjetunion, Großbritanniens, der USA und Frankreichs, Partisaninnen und Partisanen und Widerstandskämpfer aus vielen Nationen ist es zu verdanken, dass die deutsche Wehrmacht in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 in Berlin Karlshorst kapitulierte. 

Mit harter militärischer Gewalt mussten viele Zehnmillionen Deutsche dazu gezwungen werden, ihr Werk des Hasses, der Zerstörung und Selbstzerstörung zu beenden. Sie hatten Hitler gewählt, bejubelt oder geduldet und für ihn gekämpft. 

Insgesamt mobilisierte die Wehrmacht von 1939 an 18 Millionen deutsche Männer – fast alle die laufen konnten – um zerstörend, raubend und mordend über Europa herzufallen: vom Nordkap bis zum Kaukasus, von Marseille bis Leningrad. Weit überwiegend fühlten sich die Landser als Herrenmenschen, zumal im Osten Europas. 

Angetrieben hatte sie nazistische Überzeugung, vaterländisches Pflichtgefühl, nationaler Dünkel, Abenteuerlust oder Gleichgültigkeit – die Verrohung erzeugte die Art der Kriegsführung, verstärkt von der begleitenden Propaganda vom „Untermenschen“.

Den heutigen Gedenktag sehen wir in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem 8. Mai, den wir als einen Tag der Befreiung, der Befreiung von einem größenwahnsinnigen, diktatorischen Regime begehen. 

Dieses Regime hatte sich die Errichtung eines „groß-deutschen“ Reiches auf rassistischer Grundlage durch eine kriegerische Raumpolitik, vornehmlich im Osten, auf die Fahnen geschrieben. Schon vor dem Einmarsch in Polen wies Hitler unmissverständlich darauf hin, ich darf zitieren: 

„Der nächste Kampf wird ein reiner Weltanschauungskrieg, das heißt, bewusst ein Volks- und Rassenkrieg.“

Wir erinnern eines unsäglichen Leids. Der systematischen, industriellen Vernichtung von Menschenleben, der unbeschreiblichen Zerstörung wurde ein Ende gesetzt. 

Wir gedenken der Gefangenen der Konzentrationslager, der todgeweihten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Insassen der Heil- und Pflegeanstalten.

Der heutige Tag ist ein Tag der Erinnerung an die unzähligen Opfer des von den Nazis entfachten Weltbrandes. Sowjetische Soldaten mussten die mit Abstand schwersten Opfer auf sich nehmen. Sofern sie den Krieg lebend überstanden hatten, kehrten sie in eine zerstörte, ausgeplünderte und ausgeblutete Heimat zurück; mehr als zwei Millionen von ihnen wurden in deutscher Gefangenschaft vorsätzlich ermordet, zumeist mit dem Mittel des Hungers.

Eine der ungeheuerlichen Gräueltaten des Krieges wurde am Rande Kiews, in der Schlucht von Babij Jar, begangen. Am 19. September 1941 nahm ein Armeekorps der Wehrmacht die ukrainische Hauptstadt ein. 

Eine Woche später wurde in einer gemeinsamen Besprechung von Wehrmacht und SS festgelegt, einen Großteil der jüdischen Bevölkerung zu töten. Mit öffentlichen Aufrufen forderte man die jüdischen Menschen der Stadt auf, sich am 29. September zwecks Umsiedlung auf einem bestimmten Platz einzufinden. 

Zum Erstaunen der Nazis kamen zur vorgegebenen Stunde viele Tausend Menschen zusammen. Zu Fuß mussten sie bis zu einer kleinen Schlucht am Rande der Stadt laufen. In nur zwei Tagen wurden in eben dieser Schlucht von Babij Jar 33.771 Menschen erschossen, überwiegend Kinder, Frauen und ältere Männer. Eine unvorstellbare Grausamkeit!

Kein Deut weniger brutal gingen die Deutschen vor, als sie sich nach verlorener Schlacht in Wolgograd auf dem Rückzug befanden. Das größte Naziverbrechen auf ostpreußischem Boden verübten sie in der Nacht zum 31. Januar 1945. 7.000 jüdische Menschen wurden von der SS auf das Eis der Ostsee getrieben. Dann begann das bestialische Morden. 

Die SS exekutierte jeden Häftling aus dem KZ Stutthof einzeln. Später spülte die Flut hunderte Leichen an den ostpreußischen Strand.

Mich lässt der Eindruck des Gedenkortes für die getöteten jüdischen Kinder auf dem Gelände von Yad Vashem nicht mehr los. Die Namen der Kinder, die man namentlich überhaupt noch ermitteln konnte, werden dort tagtäglich und rund um die Uhr verlesen. Es sind derer so viele, dass jeder Name im Verlauf eines ganzen Jahres nur einmal genannt wird. 

Niemand weiß genau, wie viele Menschen zwischen 1933 und 1945 unter der Naziherrschaft allein in Europa getötet, verletzt, vertrieben oder traumatisiert wurden. Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie sind allesamt Opfer eines bis aufs Äußerste menschenverachtenden Systems. Opfer waren Kinder und alte Menschen, Kranke und behinderte Menschen, Priester und Pastoren, Lesben und schwule, Kommunisten und Sozialdemokraten, Sinti und Roma, Menschen jüdischen Glaubens, Polen, Griechen, Russen, Deutsche, Italiener, Ungarn, Britten, Franzosen, Dänen. Hinter dieser zweifellos unvollständigen Aufzählung verbergen sich unzählige einzelne Opfer. Jedes mit eigener Persönlichkeit, einer eigenen Geschichte, vor allem aber mit einer eigenen, unantastbaren Würde, die millionenfach mit Füßen getreten wurde.

Die Trauer um diese Opfer ist nicht differenzierbar. Unsere Trauer unterscheidet nicht zwischen Nationalitäten, Glaubensrichtungen oder Überzeugungen. Wir trauern um Menschen!

Verehrte Anwesende,

Diesen Tag als Tag der Mahnung zu begehen verlangt, sich mit aktuellen Ereignissen auseinanderzusetzen.

  • Zu nennen sind die Morde von Kassel, Halle und Hanau
  • Zu nennen ist der widerwärtige Sturm auf den Reichstag mit Reichskriegsflagge vor zwei Wochen
  • Zu nennen ist die Mordserie des NSU – Landtag MV untersucht Mord an Mehmet Turgut (berichten von 47. Sitzung des PUA mit Zeugen vom Verfassungsschutz, eines Ex-Nazi und eines Ex- Sozialarbeiters

Was wir brauchen sind politische Bildung und Demokratieerziehung. Ein Aufklären über Ursachen und zusammenhänge. Niemals dürfen wir durchgehen lassen, dass die Ursachen und die Auswirkungen des 2. Weltkrieges geschichtsverfälschend dargestellt und verdreht werden. 

Diesen Tag als Tag der Mahnung zu begehen heißt, sich zu vergegenwärtigen, dass die Menschenrechte universell und nicht teilbar sind.

  • Wenn Moria brennt, darf Europa nicht wegschauen.
  • Wenn wir uns um Nawalny sorgen, dann muss uns gleichermaßen der Umgang mit dem Whistleblower Assange beschäftigen. Auf den einen wurde ein Giftanschlag verübt. Der andere wird mit Isolation gefoltert. Wird eigentlich mal die Frage gestellt, warum Enthüllungsjournalisten mit zweierlei Maß betrachtet werden?

Was wir brauchen, ist das Verständnis dafür, dass wir nur in einer solidarischen Gemeinschaft, einer, in der die UN-Menschenrechtskonvention geachtet wird, überleben können. 

Den Tag der Mahnung zu begehen heißt, die Losung „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ hochzuhalten.

  • Wir brauchen keine Verwirklichung der Forderung des US-Präsidenten Trump, mindestens 2 Prozent des BIP für Waffen auszugeben.
  • Wir brauchen keine Beschaffung von Kampf- und Killerdrohnen, für eine auf Defensive ausgerichtete Bundeswehr.

Notwendig ist eine internationalistische Politik, die auf vier Prinzipien beruht:

  1. Frieden, durch kollektive und gegenseitige Sicherheit, Abrüstung und strukturelle Nichtangriffsfähigkeit.
  2. Solidarische Politik der Überwindung von Armut, Unterentwicklung und Umweltzerstörung.
  3. Einsatz für eine demokratische, soziale, ökologische und friedliche Europäische Union.
  4. Eine Reform und Stärkung der UNO.

Lasst uns in diesem Sinne am heutigen Tag der Mahnung und Erinnerung das Leben feiern und uns zugleich mit aller Ernsthaftigkeit für grundlegende Werte des Friedens, des Humanismus, gegen Faschismus, Antisemitismus und Rassenwahn einsetzen.